Meine Sicht auf die Lehre vom „Charakter Gottes“

Von Mattis Fichte. PDF

Da ich häufiger dazu gefragt werde, möchte ich hier schriftlich wiedergeben, wie ich die Lehre vom „Charakter Gottes“, die auch mit dem Leitsatz „Gott tötet nicht“ umschrieben wird, wahrnehme. Es ist mir bewusst, dass unter Vertretern dieser Sichtweise teils unterschiedliche, mitunter sich widersprechende Argumentationslinien existieren. Der Zielpunkt ist allerdings meines Erachtens immer derselbe: Es heißt, der Natur Gottes stünde jede Form der Gewaltanwendung entgegen; Gott kann nicht Leid bewirken. Dieser These widerspreche ich und ich hoffe, die Gründe hierfür anhand der Bibel anschaulich erklären zu können. 

Zwei Dinge möchte ich meinen Ausführungen noch voranstellen, um Irritationen zu vermeiden:

  1. Auch wenn ich glaube, dass die besagte Doktrin eine menschliche Lehre über die Natur Gottes ist (das ist keine Kleinigkeit!), will ich aus diesem Grund nicht auf die Gemeinschaft irgendeines Bruders oder irgendeiner Schwester mit dieser Ansicht verzichten. Ich glaube dasselbe von der Dreieinigkeitslehre und doch gibt es Trinitarier, mit den ich Gemeinschaft pflege und von denen ich lerne. Darum: Lasst uns fechten mit dem Wort Gottes, aber brüderlich und nicht bis zum Tod.
  2. Dass Gott Liebe ist und er niemals aufhört, Liebe zu sein, glaube auch ich. Alles, was er tut, geschieht aus seiner Liebe zu allen seinen Geschöpfen. Seine Liebe hört auch nicht auf, wenn ein Geschöpf gegen ihn rebelliert und selbst dann nicht, wenn dieses Geschöpf jede Gelegenheit zur Umkehr verstreichen lässt und sein Herz in dieser Weise verhärtet, sodass es keine Gnadenzeit für ihn oder sie mehr existiert. S. Hes 18,32; 33,11

Gottes Zorn

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Oft wird dargelegt, dass in der Bibel der „Zorn Gottes“ als Äquivalent zur Gottesferne gesehen wird. Paulus sagt in Rö 4,15: „Denn das Gesetz bewirkt Zorn; wo aber kein Gesetz ist, da ist auch keine Übertretung.“ Er verbindet den Zorn also direkt mit der Sünde, also mit der Trennung von Gott. Aus der Geschichte Hiobs erfahren wir, dass die leidvollen Ereignisse dadurch zustande kamen, dass Gott seine schützenden Hände von Hiob nahm und Satan das Feld überlies. Bis zu dieser Stelle stimme ich mit der Argumentation überein. Daraus leiten allerdings viele ab, dass jede Form von Leid, Gewalt und Zerstörung immer auf diese Weise von Statten geht und somit immer von Satan kommen muss.  Das ist eine Übergeneralisierung, die dem biblischen Wort an vielen Stellen entgegensteht. Zwei Beispiele:

  1. Der Zug durchs Schilfmeer: Die Rettung der Israeliten war gleichzeitig die Zerstörung der verfolgenden Ägypter. Gott hat die Teilung des Meers bewirkt (2. Mo 14,16), er hat auch das Zurückfluten des Wassers bewirkt (V. 26).
  2. Der „Tag des Zorns“: Der Tag des Zorns (bzw. Tag des Herrn) ist ein Paradebeispiel dafür, dass der Zorn Gottes sowohl durch seine Abwesenheit, als auch durch seine Gegenwart herbeigeführt werden kann. In Off 6,17 erfahren wird, dass der „Tag des Zorns“ nach dem Ende des sechsten Siegels beginnt. In den Zornesschalen (Off 15 &16) wird eine Situation vorhergesagt, in der Gottes schützende Hand nur noch über sein Volk gehalten wird – die restliche Welt versinkt im Chaos. Der Tag des Zorns beginnt also damit, dass Gott seinen Geist von der Welt zurückzieht. Aber wie endet der Tag des Zorns? „Die Herrlichkeit des HERRN wird sich offenbaren und alles Fleisch zumal wird sie sehen.“ (Jes 40,5) „Da werden die Himmel mit Krachen vergehen, die Elemente aber vor Hitze sich auflösen und die Erde und die Werke darauf verbrennen.“ (2. Pet 3,10) Zum Schluss wird die Herrlichkeit des Herrn die ganze Erde füllen und auch das wird Zerstörung auf der sündigen Welt anrichten, gleichzeitig aber die Erlösung der Gerechten bedeuten. Das ist ebenso der Zorn Gottes.

Gottes Gesetz

Oft wird gesagt: „Gott hält sich an seine eigenen Gesetze. Er sagt, dass wir nicht töten sollen. Das bedeutet dann doch auch, dass er selbst nicht tötet. Denn die Gesetze sind ein Ausdruck seines Charakters.“

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Diese Argumentation entpersonalisiert Gott. Ich will erklären, warum. Letztlich sagt man mit dieser Aussage: „Gott wäre nicht gut, wenn er nicht das Gute tun würde.“ Damit entkoppelt man das Gute von Gott. Es gäbe dann ein Gesetz, das über Gott steht und das Gott sagt, was gut und was böse ist. Gott ist somit nicht gut, er wird gut, nämlich dadurch, dass er sich für das Gute entscheidet. Man stellt also ein Prinzip über den persönlichen Gott. Eigentlich ist das Prinzip, das Gesetz, dann der wahre Gott, der über dem persönlichen Gott steht. 

Die Bibel lehrt aber: „Gott allein ist gut.“ (Lk 18,19) An oberster Stelle steht der persönliche Gott. Er allein ist gut. Wer oder was auch immer als gut bezeichnet werden soll, er oder es muss von ihm kommen. Deswegen können wir seine Taten nicht an den Gesetzen, die er für seine Schöpfung erlässt, bemessen. Wir können durch seine Gesetze Rückschlüsse auf seinen Charakter ziehen, ja. Aber wir können Ihn nicht anhand seiner Gesetze beurteilen, wie wir uns anhand seiner Gesetze beurteilen. 

Wenn man einwenden würde, dass das Gesetz letztlich gleichbedeutend mit Gott ist, es also nicht über Gott steht, sondern Teil Seiner Selbst ist, wäre dies eine direkte Entpersonaliserung Gottes. Die freie Entscheidung, die Gott für seine gesamte Schöpfung so wichtig war, wäre Gott selbst nicht möglich. Er müsste sich jedesmal so entscheiden, wie Er sich entscheidet. Gott wäre keine Person, Er wäre eine Gesetzmäßigkeit. Aber wenn es heißt, dass wir im Bilde Gottes geschaffen sind, dann ist damit auch gemeint, dass wir mit freiem Willen geschaffen wurden. Gott kann freie Entscheidungen treffen, so wie wir. 

Die Begebenheit von Abraham und seinem Sohn Isaak am Berg Morija zeugt sehr deutlich von einem persönlichen Gott. Als Gott sprach „Nimm Isaak, deinen einzigen Sohn, den du lieb hast, und gehe hin in das Land Morija und opfere ihn daselbst zum Brandopfer auf einem Berge, den ich dir sagen werde“ (1. Mo 22,2), was war da die Prüfung? Wäre Gott gut, weil er Gutes tut, dann wäre es Abrahams Test gewesen, sich von dieser schrecklichen Aufforderung nicht beeindrucken zu lassen. Er hätte dieser Aufforderung im Glauben entgegnen müssen: „Du bist nicht die Stimme Gottes, denn Gott kann so etwas nicht fordern.“ Aber das war nicht Abrahams Test. Gott wollte wissen, ob Abraham ihm als einem persönlichen Freund vertraut. Selbst wenn Gott ein Menschenopfer fordert, ist diese Forderung gut, denn alles, was von Gott kommt, ist gut. Es gibt keine andere Definition für das Gute. Das war Abrahams Glaubenskampf, aus dem er siegreich hervorging.

Gehorsam durch Gewalt?

Mir wurde in Gesprächen schon gesagt: „Wenn Gott wirklich töten würde, könnte ich ihm nicht vertrauen, ihn nicht lieben, ihn nicht aus freiem Herzen anbeten.“ Hiob hatte einen anderen Glauben: „Siehe, tötet er mich, ich werde auf ihn warten, nur will ich meine Wege ihm ins Angesicht rechtfertigen.“ (Hi 13,15) Im Glauben geht es darum, Gott zu vertrauen ganz egal was er tut. Was ist das für ein Vertrauen, das spricht: „Ich vertraue dir, solange du nicht dies oder das tust.“ Zeichnet sich Vertrauen nicht gerade darin aus, dass wir der Person auch dann folgen, wenn sie Entscheidungen trifft, die unseren Vorstellungen entgegenstehen? Was ist das für eine Liebe, die nur dann liebt, solang das gewünschte Verhalten an den Tag gelegt wird? Eltern lieben ihre Kinder für das was sind, nicht für das was sie tun. Natürlich tragen Liebeswerke zur eigenen Liebe bei, aber die Liebe ist schon da, bevor irgendetwas getan wird, sei es liebevoll oder abweisend. So auch bei Gott: Die Liebe zu Gott kommt in unsere Herzen ab dem Moment der Wiedergeburt durch den heiligen Geist (Rö 5,5). Ab diesem Zeitpunkt lieben wir Gott für das, was er ist: ein persönlicher Gott. Das Ergründen seiner Liebestaten kann unsere Liebe zu ihm nur intensivieren. Somit liegt der Aussage „Ich könnte Gott nicht lieben, wenn er töten würde.“ ein falsches Bild der eigenen Liebe zu Gott zugrunde. Wir lieben Gott nicht, weil wir Ihn als liebenswürdig befunden haben. Die Liebe zu ihm und den Nächsten wird nicht durch unsere Entscheidung bewirkt. Sie ist einfach da – durch das große Wunder der Neugeburt, das von Gott bewirkt wird. 

Erpresst uns Gott? Sagt er: „Gehorch oder stirb“? Nein. Er sagt: „Ich schenke dir das Leben, aber wenn du dies oder das tust, wirst du es verlieren.“ Und wenn man dann gerade dies oder das getan hat, sagt er: „Du wärst jetzt für immer tot, aber ich habe einen Ausweg für dich.“ Und dies sagt er dem Sünder wieder und wieder, bis irgendwann der Moment gekommen ist, an dem er sagt: „Ich kenne dich. Ich weiß, dass du nicht bei mir sein willst, dich nie für mich entscheiden wirst. Und ich weiß, dass dir von nun an nur noch Leid folgen wird. Es ist das beste für dich, wenn du stirbst.“ Und wenn er dem Sünder dann letztendlich ein Ende machen wird, wird es für den Sünder eine Erlösung sein, für den liebenden Gott aber äußerster Schmerz. Das ist keine Erpressung, es ist eine selbstlose Liebestat.

Das Kreuz

Christus aber hat uns erlöst von dem Fluch des Gesetzes, da er ward ein Fluch für uns (denn es steht geschrieben: “Verflucht ist jedermann, der am Holz hängt!”). (Gal 3,13)

Den, der Sünde nicht kannte, hat er für uns zur Sünde gemacht, auf daß wir Gottes Gerechtigkeit würden in ihm. (2. Ko 5,21)

Wenn wir uns die Tragödie vor Augen führen, die sich am Kreuz abspielte, wird uns zum einen bewusst, wie abscheulich die Sünde ist. Zum anderen können wir sehen, wie weit Gott bereit war zu gehen, um uns einen Ausweg aus ihr zu schaffen. Er hat sich vor seinem eigenen Sohn verborgen – in dem Moment, als es ihm am schlechtesten ging. Und er wusste, dass er seinem Sohn so das Herz brechen würde. Er tat es trotzdem. Für dich und mich. 

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Wurde Gott dazu gezwungen, sich vor seinem Sohn zu verbergen? Niemand kann Gott dazu zwingen, sich vor einem sündlosen Wesen zu verbergen. „Aber auf Jesus lag doch die Sünde.“, mag mancher einwenden, „Gott musste sich verbergen!“. Wer hat die Sünde denn auf den Sohn gelegt? Hat nicht Abraham das tote Holz auf seinen Sohn Isaak gelegt und ihn auf den Berg Morija tragen lassen (1. Mo 22,6)? Tatsächlich gibt es niemanden, der einem sündlosen Wesen Sünden auferlegen kann, als nur Gott (Joh 10,29). Er tat dies, indem Er sich vor seinem Sohn verbarg, ohne dass dieser ihm dazu irgendeinen Anlass gab. Dieser Gedanke ist unerträglich, aber Geschwister, das war der einzige Ausweg für uns. Lasst uns diese Tragödie in ihrer vollen Tragweite betrachten und mit zerbrochenen Herzen vor unseren Gott treten.

Was hat diese Tragödie mit Gottes Charakter zu tun? In unserer Diskussion ist es die Erkenntnis von Bedeutung, dass Gott seinem Sohn Gewalt antun konnte, um dadurch die Rettung vieler Menschen zu bewirken. Der Erlösungsplan selbst ist die größte Widerspruch gegen die Lehre vom „Charakter Gottes“. Und es schmerzt mich, den Argumentationen  mancher Brüder zu folgen, die behaupten, der Tod Jesu sei überhaupt nicht Teil des Erlösungsplans gewesen, sondern nur ein Ausdruck der liebevollen Nachgiebigkeit Gottes Satan gegenüber. Macht man hier nicht mit elaborierten Ausführungen und „klugen Worten das Kreuz zunichte“ (1. Kor 1,17)?

Zum Schluss

 Ich würde mich freuen, mit dir in den Austausch zu treten, ganz egal, ob du mir zustimmst oder widersprichst. Allerdings ist schriftlicher Austausch sehr zeitintensiv – gerade deswegen habe ich mich dazu entschlossen, dieses Dokument anzufertigen. Am liebsten wäre es mir, persönlich oder telefonisch zu sprechen. Wir können gerne einen Termin dazu vereinbaren: mattis@salzdererde.org. Wenn es die Umstände nicht anders zulassen, trete ich auch in den schriftlichen Diskurs – meine Antworten könnten aber dann einige Zeit auf sich warten lassen. Gott mit dir!

2 Kommentare zu „Meine Sicht auf die Lehre vom „Charakter Gottes“

  1. Hallo lieber Mattis, toller Beitrag!
    Eine kleine Korrektur würde ich jedoch empfehlen:

    Das sechste Gebot lautet nicht „Du sollst nicht töten“, sondern „Du sollst nicht morden.“ Da ist ein erheblicher Unterschied. Deshalb hat Gott durchaus schon oft getötet, aber gewiss noch nie jemanden ermordet.

    Deshalb würde ich empfehlen, dies im Text zu korrigieren.
    Liebe Grüße,
    Sonja Neidhardt

    1. Liebe Sonja,

      freut mich, dass du den Gedanken etwas abgewinnen konntest. Danke auch für den Hinweis. Es ist wirklich interessant, dass Gott in 2. Mo 20 ein anderes Wort für “töten” verwendet als in den folgenden Kapiteln.

      Aber ich bleibe trotzdem beim Wortlaut der gängigen Übersetzungen. Es ist ja grundsätzlich nicht falsch übersetzt. Zur Differenzierung der begrifflichen Feinheiten innerhalb der hebräischen Wortfelder muss man sich an den herbräischen Urtext wagen und dafür bräuchte es keine kleine Änderung des Artikels, sondern einen ganz neuen Unterpunkt.

      Liebe Grüße
      Mattis

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