Folgende Passage aus dem Geist der Weissagung wird manchmal angeführt, um die Auffassung zu vertreten, Schwester White hätte dazu ermutigt, Teile ihrer Schriften, die der Bibel widersprechen, zu verwerfen:
„Wenn die Zeugnisse nicht mit dem Wort Gottes übereinstimmen, verwerft sie.“
5T 691.2
Zu Beginn muss festgehalten werden, dass Adventisten jede wesentliche Glaubenslehre allein aus der Bibel herleiten können müssen. Ellen White selbst schrieb, dass die Bibel unser einziges Glaubensbekenntnis sei (Selected Messages, book 1, p. 416) und, dass Gott „ein Volk auf Erden haben [wird], das die heilige Schrift, und nur diese allein, beibehält als Richtschnur aller Lehre und als Grundlage aller Reformen“ (Der große Kampf, S. 596). Es geht also nicht um die Frage, ob wir Ellen Whites Schriften auf eine Stufe mit der Bibel stellen. Alle Lehre muss allein anhand der Schrift ausgerichtet werden – auf dieser Stufe stehen ihre Schriften nicht. Aber bedeutet das, dass ihre Aussagen auf der gleichen Stufe wie unsere diversen persönlichen Ansichten stehen?
Wenn wir uns das Eingangszitat im Kontext ansehen, wird deutlich, dass sie hier keineswegs dazu ermutigt, bestimmte Teile ihrer Schriften, die womöglich nicht mit dem Wort Gottes übereinstimmen, zu verwerfen. Ihre Aussage ist vielmehr, dass wenn wir damit beginnen, die Autorität der Zeugnisse abzuschwächen, indem wir entscheiden wollen, was von ihnen inspiriert ist und was nicht, wir ihre Schriften insgesamt ablehnen müssten. Entweder sie sind von Gott, und dann haben sie in ihrer Vollständigkeit Autorität. Oder sie enthalten Irrtümer, dann ist ihr Anspruch auf Inspiration Anmaßung und sie wären in ihrer Gesamtheit zu verwerfen. Eine Mittelposition, bei der man sich nur das herausnimmt, was einem plausibel erscheint, ist nicht möglich.
Hier die Aussage im Kontext:
Und nun, liebe Brüder, bitte ich euch, euch nicht zwischen mich und das Volk zu stellen und das Licht, das Gott ihnen bringen möchte, zu vertreiben. Nehmt den Zeugnissen nicht durch eure Kritik die ganze Kraft, den ganzen Sinn und die ganze Macht. Glaubt nicht, dass ihr sie nach euren eigenen Vorstellungen zerlegen könnt, indem ihr behauptet, dass Gott euch die Fähigkeit gegeben hat, zu unterscheiden, was Licht vom Himmel ist und was Ausdruck bloßer menschlicher Weisheit. Wenn die Zeugnisse nicht mit dem Wort Gottes übereinstimmen, verwerft sie. Christus und Belial können nicht vereinigt werden. Um Christi willen verwirrt den Verstand des Volkes nicht mit menschlicher Spitzfindigkeit und Skepsis und macht das Werk, das der Herr tun will, nicht wirkungslos. Macht nicht durch euren Mangel an geistlichem Urteilsvermögen aus dem Wirken Gottes einen Stein des Anstoßes, durch den viele zum Stolpern und Fallen gebracht werden, „und in die Falle gehen und gefangen werden.“
5T 691.2
Tatsächlich stünde eine Relativierung der Zeugnisse ihrem eigenen Anspruch entgegen: „In dem, was ich geschrieben habe, gibt es eine geradlinige Kette der Wahrheit, ohne einen einzigen häretischen Satz“ (Selected Messages, book 3, p. 52).
Ellen Whites Aussagen tragen das Siegel göttlicher Inspiration und so sollten wir ihnen auch begegnen, stets bereit, unsere eigene Sichtweise zu hinterfragen. Sollten wir dabei in Kauf nehmen, biblische Aussagen aufzugeben? Das sei ferne! Wenn ein Konflikt zwischen Ellen White und der Bibel bestünde, müssten wir allerdings ihre Schriften als Gesamtheit in Frage stellen und nicht nur einen bestimmten Punkt innerhalb ihrer Schriften.
Gleichzeitig ist noch anzumerken, dass bei einem glaubensfesten Wahrheitsforscher Widersprüche in bewährten Quellen der Wahrheit nicht ein sofortiges Hinterfragen des bereits Erreichten zur Folge haben. Schließlich sollten auch beim Bibelstudium scheinbare Widersprüche nicht sofort Skepsis hinsichtlich der Inspiration des Worts hervorrufen – sie spornen uns vielmehr zu weiterem Studium an und sind sogar ein notwendiger Teil unseres Forschens.
Lasst uns in diesem Geist die Gabe des Geistes der Weissagung nutzen – jedoch keinesfalls als unsensible Zurechtweisung, um skeptische Geschwister womöglich ganz von ihm fernzuhalten. Da ohnehin die Grundlage aller Reformen die Bibel allein sein soll, sollten Irrtümer mit rein biblischer Argumentation widerlegen und auf Ellen White nur bei guter Gelegenheit behutsam verwiesen werden. In jedem Fall sollte dem Gegenüber Raum zum Prüfen gegeben werden und nicht mit „Totschlagargumenten“ alles daran gesetzt werden, ein Streitgespräch zu gewinnen. Aber wenn wir für uns selbst die Schriften von Ellen White lesen und wir ihre besondere Beauftragung erkannt haben, ist es stets ratsam, Gott durch ihre Schriften zu uns sprechen zu lassen.










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