Von Tobias und Mattis Fichte (2024). PDF
Damit das Wort Gottes nicht verlästert werde…
Zur Stellung der Geschlechter im Neuen Testament
In jüngerer Zeit wird zunehmend in Frage gestellt, dass Gott den Menschen als Mann und Frau schuf in dem Sinne, dass sich beide Geschlechter in verschiedenen Rollen ergänzen. Während einerseits Gender-Mainstreaming ein offensichtlich unbiblischer Trend ist, zeigt folgende Betrachtung, dass andererseits eine unausgewogene Anwendung biblischer Aussagen ebenfalls zu einer Entstellung der weiblichen Würde und damit des Evangeliums führt.
Gleichwertig und doch unterschiedlich
Um mit der Perspektive auf die Ewigkeit zu beginnen – Petrus „erinnert“ die Männer daran, dass die Frauen dasselbe Erbe empfangen wie sie:
| 1Pt3,7 | Ihr Männer ebenso, wohnt bei ihnen mit Einsicht als bei einem schwächeren Gefäß, dem weiblichen, und gebt ihnen Ehre als solchen, die auch Miterben der Gnade des Lebens sind, damit eure Gebete nicht verhindert werden! |
Bevor das Volk Gottes das hier angesprochene Erbe, das Leben in Christus, das den Tod überwunden hat, bei der Wiederkunft des Erlösers im vollkommenen Sinn empfangen wird, erhalten die Gläubigen schon während ihres irdischen Daseins eine „Anzahlung“ (Eph 1,13.14) des geistlichen Lebens. Petrus betont demnach gegenüber einer Gesellschaft, in welcher dies alles andere als selbstverständlich war, dass die Gleichwertigkeit der Frauen als „Miterben“ nicht erst in der Ewigkeit hergestellt wird, sondern gegenwärtige Realität ist. Dennoch unterscheidet er sie als das „schwächere Gefäß“ von den Männern. Mit der Beantwortung der Frage, wie letzteres zu verstehen ist, tun sich Christen heute schwer. Handelt es sich um eine kulturelle Sichtweise einer alten Welt, deren letzte Überbleibsel wir im Begriff sind zu überwinden? Oder sollten wir uns im genauen Gegenteil wieder an den Geschlechterrollen orientieren, wie sie in den Gesellschaften biblischer Zeiten gang und gäbe waren?
Die Unterordnung der Frau
Zu den wesentlichen Aspekten des Glaubens und des christlichen Zusammenlebens, über die der Apostel Paulus schreibt, zählen auch Angelegenheiten der Ehe und des Verhältnisses der Geschlechter zueinander. An Timotheus schreibt er:
| 1Tim2,11ff | Eine Frau lerne in der Stille in aller Unterordnung. 12 Ich erlaube aber einer Frau nicht zu lehren, auch nicht über den Mann zu herrschen, sondern ich will, dass sie sich in der Stille halte, 13 denn Adam wurde zuerst gebildet, danach Eva; 14 und Adam wurde nicht betrogen, die Frau aber wurde betrogen und fiel in Übertretung. |
Bemerkenswerterweise bringt Paulus zwei verschiedene Begründungen für die Unterordnung der Frau vor: Zum einen die Art und Weise, wie Gott den Menschen schuf (Vers 13), und zum anderen den Sündenfall (Vers 14), bei welchem die Frau (zuerst) betrogen wurde. Es gibt also einen in der Schöpfung begründeten Unterschied, und zusätzlich noch einen weiteren als Folge des Sündenfalls, denn erst auf diesen hin sagt Gott:
| 1Mo3,16b | Nach deinem Mann wird dein Verlangen sein, er aber wird über dich herrschen! |
Dieser Vers beschreibt nicht eine „Maßnahme“ oder „Strafe“ Gottes, sondern die Folge der Sünde, denn wieviel Unterdrückung kam über Frauen aller Zeiten und (fast) aller Völker, und ohne dass Frauen etwas dafürkonnten? Das entsprach nicht Gottes ursprünglicher Absicht, ebenso wenig wie die Bürden, die nach dem Sündenfall den Männern auferlegt waren. Im Erlösungswerk ging es stattdessen von Beginn an darum, jenen Menschen wieder herzustellen, den Gott eigentlich geschaffen hatte. In diesem Zustand herrschte keiner über den anderen, wenngleich Adam das Haupt der aus ihm hervorgegangenen Eva war – augenscheinlich eine Schöpfung im Bilde Gottes und seines Sohnes.
Paulus zur Rolle der Frau
Warum betont nun Paulus an mehreren Stellen, dass die Frauen sich unterordnen sollen? Hier zunächst weitere Passagen aus seinen Briefen:
| Eph5,22 | Ordnet euch einander unter in der Furcht Christi, 22 die Frauen den eigenen Männern als dem Herrn! 23 Denn der Mann ist das Haupt der Frau, wie auch der Christus das Haupt der Gemeinde ist, er als der Retter des Leibes. 24 Wie aber die Gemeinde sich dem Christus unterordnet, so auch die Frauen den Männern in allem. 25 Ihr Männer, liebt eure Frauen!, wie auch der Christus die Gemeinde geliebt und sich selbstfür sie hingegeben hat, 26 um sie zu heiligen, sie reinigend durch das Wasserbad im Wort, 27 damit er die Gemeinde sich selbst verherrlicht darstellte, die nicht Flecken oder Runzel oder etwas dergleichen habe, sondern dass sie heilig und tadellos sei. 28 So sind auch die Männer schuldig, ihre Frauen zu lieben wie ihre eigenen Leiber. Wer seine Frau liebt, liebt sich selbst. 29 Denn niemand hat jemals sein eigenes Fleisch gehasst, sondern er nährt und pflegt es, wie auch der Christus die Gemeinde. 30 Denn wir sind Glieder seines Leibes. 31 »Deswegen wird ein Mensch Vater und Mutter verlassen und seiner Frau anhängen, und die zwei werden ein Fleisch sein.« 32 Dieses Geheimnis ist groß, ich aber deute es auf Christus und die Gemeinde. 33 Jedenfalls auch ihr – jeder von euch liebe seine Frau so wie sich selbst; die Frau aber, dass sie Ehrfurcht vor dem Mann habe! |
| Kol3,18f | Ihr Frauen, ordnet euch euren Männern unter, wie es sich im Herrn ziemt! 19 Ihr Männer, liebt eure Frauen und seid nicht bitter gegen sie! 20Ihr Kinder, gehorcht euren Eltern in allem! Denn dies ist wohlgefällig im Herrn. |
| Tit2,1ff | Du aber rede, was der gesunden Lehre ziemt: 2 dass die alten Männer nüchtern seien, ehrbar, besonnen, gesund im Glauben, in der Liebe, im Ausharren; 3 ebenso die alten Frauen in ihrer Haltung dem Heiligen angemessen, nicht verleumderisch, nicht Sklavinnen von vielem Wein, Lehrerinnen des Guten; 4 damit sie die jungen Frauen unterweisen, ihre Männer zu lieben, ihre Kinder zu lieben, 5 besonnen, keusch, mit häuslichen Arbeiten beschäftigt, gütig zu sein, den eigenen Männern sich unterzuordnen, damit das Wort Gottes nicht verlästert werde! |
Es wird klar: Die Frau soll nicht anstreben, die Führung zu übernehmen, sondern vielmehr den Mann in seiner Führungsrolle anerkennen. Es ist auch nicht ihre Aufgabe zu lehren (1. Tim 2,20), wobei die älteren die jüngeren Frauen und beide natürlich auch den Kindern vorstehen (Tit 2,3-4).
Allerdings wird nirgends gesagt, dass der Mann über die Frau herrschen soll, sondern Paulus betont vielmehr die ihr entgegenzubringende Liebe. Es wird ferner unterschieden zwischen dem Gehorsam, den Kinder ihren Eltern gegenüber leisten sollen (Kol 3,20), und der Ehrfurcht der Frau dem Mann gegenüber (Eph 5,33). Die Menschheit hat anscheinend Schwierigkeiten damit, im Spektrum zwischen der Zurücksetzung der Frau einerseits und der feministischen Ideologie andererseits eine gesunde Balance zu finden. In der Bibel können wir allerdings genau dieses Gleichgewicht finden – auch, indem wir uns ansehen, auf welch unterschiedliche Weise in der Bibel Ämter vergeben werden.
Die biblischen Ämter
Zum einen gibt es die Ämter, die ohne Zutun der Gemeinde allein von Gott vergeben werden, indem er durch seinen Geist bestimmte Gnadengaben zuteilt (1. Kor 12,5; Eph 4,11). Wer weissagen kann, trägt das Amt des Propheten, wer lehren kann, trägt das Amt des Lehrers usw. Hier ist es bemerkenswert, dass Gott meistens Männer berief, aber nicht ausschließlich. Die meisten Propheten sind männlich, aber es gibt sowohl zu Zeiten des Alten Testaments (Ri 4,4; Mich 6,4) als auch des Neuen Testaments (Lk 2,36-38; Apg 21,9) bedeutende Ausnahmen. Wenn der Frau in 2. Tim 2,20 verboten wird, zu lehren, ist damit nicht gemeint, dass Gott generell nicht in Betracht zieht, Frauen zum Lehren zu befähigen (Tit 2,3-4). Paulus bezieht sich hier darauf, dass ungeachtet der Ausprägung gottgegebener Fähigkeiten bei Frauen niemals das generelle Autoritätsverhältnis der Geschlechter aufgehoben wird. Sie darf nicht über den Mann herrschen.[1] In ähnlicher Weise verbietet er auch dem jungen Timotheus, ältere Brüder mit Autorität zurechtzuweisen – er soll mit ihnen verfahren wie mit einem Vater (1. Tim 5,1).[2] Es bedeutet aber nicht, dass es keine Situationen geben darf, in denen Männer von Frauen unterwiesen werden (Apg 18,26). Nur ist es wichtig, dass niemand dabei in seinem Auftreten die Rolle seines Geschlechts verlässt.
[1]
Man könnte man das „oude“ in 2 Tim 2,20 nämlich auch mit „das heißt“ übersetzen: „Einer Frau aber gestatte ich das Lehren nicht – das heißt, dass sie über den Mann herrsche – sondern sie soll sich still verhalten“.
[2]
Hier bezieht sich Paulus nicht auf Timotheus‘ Ältestenamt, sondern auf seine Geistesgabe der Lehre (1. Tim 4,14.16)
Im Gegensatz zu den oben beschriebenen Ämtern, die unmittelbar mit der Befähigung durch den Geist Gottes einher gehen, kennt die Bibel noch eine andere Art von Ämtern. Die Vergabe geschieht nicht durch göttliche Befähigung, sondern durch die Entscheidung der Gemeinde. Es geht namentlich um das Amt des Diakons und das des Ältesten. Diese Ämter sind keine geistlichen (auch wenn sie geistliche Gaben erfordern!), sondern administrative und repräsentative Gemeindeämter. Die Ältesten bestimmen als Haushalter über die Ressourcen der Gemeinde (Tit 1,7) und sie repräsentieren die Gemeinde bei Taufen, Ordinationen und Krankensalbungen (1. Tim 4,14; Jak 5,14). Die Diakone arbeiten den Ältesten zu (Apg 6,2). Wie steht es hier um die Geschlechter? Für eine weibliche Diakonisse haben wir ein biblisches Beispiel (Rö 16,1) – das Amt entspricht auch der Rolle der Frau in der Schöpfung (1. Mo 2,18). Aber weibliche Älteste? Dafür fehlen nicht nur jegliche Beispiele in der Bibel, sondern wir können auch durch die bereits herausgearbeiteten Prinzipien nachvollziehen, dass dieses Amt Männern vorbehalten ist. Eine Gemeinde sollte nie eine Schwester in die Verlegenheit bringen, sie für das Amt eines Ältesten vorzusehen. Diese Position entspräche nicht ihrer gottgegebenen, weiblichen Rolle.
Nun könnte man noch einwenden, dass wir gerade eben die Hierarchie zwischen Mann und Frau mit der zwischen einem alten Mann und einem jungen Mann verglichen haben, die Bibel uns aber davon berichtet, dass ein junger Mann Ältester war (1. Tim 4,12). Warum kann dann nicht in bestimmten Fällen auch eine Frau Älteste werden? Der Unterschied ist, dass der Geschlechterunterschied ein Rollenunterschied ist (1. Mo 3,16.17), während der Altersunterschied ein Statusunterschied ist (3. Mo 19,32). Auch wenn es schon immer in leitenden Positionen vorkommen konnte, einer Person mit höherem Status zu begegnen (Heb 7,6.7; 1. Mo 47,7), so ist es doch nie vorgekommen, dass ein Leiter einer Person gegenüberstand, die die eigene Rolle besser hätte ausfüllen können, ohne, dass er ihr seine Position angeboten hätte (Mat 3,14). Und freilich sollte eine Person, die für eine gewisse Rolle nicht vorgesehen ist, diese erst gar nicht eingenommen haben.
Kulturelle Abgründe: Sklaverei und die Unterdrückung der Frau
Das Verhältnis von Christus und Mensch wird durch Paulus als Vorbild für die Beziehung von Mann und Frau offenbart (Eph5,31f), und es ist bezeichnend, wie liebevoll und geduldig ER, unser Haupt, mit seiner Gemeinde umgeht, obwohl ihm oft nicht die gebührende Ehre gegeben wird. Sein Hinweis, dass er diejenigen züchtigt, die er liebt (Off 3,19), gilt (wie alle Verheißungen und Ermahnungen) für Männer und Frauen gleichermaßen. Christus ist unser aller Mittler vor Gott. Auch wenn der Mann in einer gewissen Weise das Haupt der Frau ist (1. Kor 11,3), ist er nicht Mittler zwischen der Frau und Christus. Insofern hat die Analogie des Verhältnisses von Christus zum Mann und demjenigen des Mannes zur Frau ihre Grenzen. Es ist vielmehr ebenso wirksam, was Paulus im Galaterbrief schreibt:
| Gal3,25ff | Nachdem aber der Glaube gekommen ist, sind wir nicht mehr unter einem Erzieher; 26 denn ihr alle seid Söhne Gottes durch den Glauben in Christus Jesus. 27 Denn ihr alle, die ihr auf Christus getauft worden seid, ihr habt Christus angezogen. 28 Da ist nicht Jude noch Grieche, da ist nicht Sklave noch Freier, da ist nicht Mann und Frau; denn ihr alle seid einer in Christus Jesus. |
Apropos „nicht Sklave noch Freier“ – bei Paulus lesen wir außerdem:
| 1Tim6,1f | Alle, die Sklaven unter dem Joch sind, sollen ihre eigenen Herren aller Ehre für würdig halten, damit nicht der Name Gottes und die Lehre verlästert werde. |
| Eph6,5ff | Ihr Sklaven, gehorcht euren irdischen Herren mit Furcht und Zittern, in Einfalt eures Herzens, als dem Christus. |
Ähnliches finden wir auch bei Petrus. Nachdem dieser zunächst die Sklaven dazu auffordert, sich ihren Herren (selbst den „verkehrten“!) unterzuordnen (1. Pt 2,18ff), erinnert er anschließend die Frauen daran, sich gegenüber ihren eigenen Männern ebenso zu verhalten (1. Pt 3,1ff). Paulus verwendet denselben Wortlaut ebenfalls im Zusammenhang mit der Unterordnung der Frau:
| Tit2,5b | […] den eigenen Männern sich unterzuordnen, damit das Wort Gottes nicht verlästert werde! |
Um Missverständnissen sogleich vorzubeugen: Diese Bibelstellen werden hier nicht angeführt, um die Unterordnung der Frau unter den Mann und die des Sklaven unter seinen Herrn auf eine wie auch immer geartete Weise theologisch auf eine Stufe zu stellen (wenngleich Frauen manchmal tatsächlich nicht besser als Sklaven behandelt wurden und immer noch werden). Im Gegenteil sollen sie vielmehr dabei helfen, Aufschluss darüber zu geben, worum es bei diesen in apostolischer Autorität formulierten Geboten eigentlich geht. Im Hinblick auf die Leibeigenschaft beziehen sie sich auf eine gesellschaftliche Realität, die in alttestamentarischen Zeiten – ebenso wie die Polygamie – von Gott geduldet und sogar gesetzlich geregelt war. Dagegen entspricht die eigentliche Ablehnung dieser Dinge unzweifelhaft dem in Christus offenbarten Wesen und Willen Gottes, und es darf als Segen gelten, dass Menschenhandel und Vielehe in unserer heutigen Gesellschaft (zumindest offiziell) abgelehnt werden bzw. verboten sind. Dies war bekanntermaßen in der Zeit der ersten Christen noch nicht so, wenngleich die Gläubigen des Neuen Testaments nicht mehr unter dem Gesetz des Buchstabens standen, sondern in Christus bereits das Gesetz des Geistes eingeführt war (Römer 2,29; Hebräer 7,18.19). Dennoch halten Paulus wie auch Petrus die gläubig gewordenen Sklaven dazu an, ihren Herren weiterhin und sogar besonders treu dienen, damit nicht der Name Gottes und die Lehre verlästert werde. Ließe sich also selbst mit dem Neuen Testament noch die Sklaverei legitimieren? Sicherlich nicht. Vielmehr sind es hier die kulturellen Gegebenheiten jener Zeit, innerhalb welcher diese Ratschläge einzuordnen sind. An dieser Stelle muss betont werden, dass bei der Relativierung biblischer Inhalte mit dem sogenannten Kultur-Argument, wonach bestimmte Aussagen nicht auf die heutige Zeit übertragbar seien, weil die Lebensumstände in früheren Zeiten völlig andere waren als bei uns heute, große Vorsicht geboten ist.
Die Stellung der Frau in der Gemeinde betreffend schreibt Paulus an anderer Stelle:
| 1Kor14,33ff | Denn Gott ist nicht ein Gott der Unordnung, sondern des Friedens. Wie es in allen Gemeinden der Heiligen ist, 34 sollen die Frauen in den Gemeinden schweigen, denn es wird ihnen nicht erlaubt, zu reden, sondern sie sollen sich unterordnen, wie auch das Gesetz sagt. 35 Wenn sie aber etwas lernen wollen, so sollen sie daheim ihre eigenen Männer fragen; denn es ist schändlich für eine Frau, in der Gemeinde zu reden. |
Er bestätigt mit der Bezugnahme auf den Tempeldienst des Alten Bundes („wie auch das Gesetz sagt“, vgl. 2. Mose 40,12ff), dass die priesterliche Rolle bzw. administrative Autorität – wenngleich unter veränderten Umständen – auch im Neuen Bund dem Prinzip nach weiterhin durch Männer eingenommen werden soll.
Insgesamt wird dennoch deutlich, dass beim Thema Unterordnung sowohl der Frau unter den Mann als in noch anderer Weise auch des Sklaven unter seinen Herrn offensichtlich auch kulturelle Aspekte mitschwingen. Und an dieser Stelle dringen wir zu einem wichtigen Punkt vor: Paulus ging es in der Hauptsache um die wirksame Verbreitung des Evangeliums unter den jeweils herrschenden Umständen, und er betonte deshalb die Notwendigkeit einer maximal möglichen Anpassung an die Empfänger der Botschaft, wohlgemerkt ohne das Evangelium zu kompromittieren, jedoch immerzu bereit, sich selbst aufzuopfern:
| 1Kor9,20ff | Und ich bin den Juden wie ein Jude geworden, damit ich die Juden gewinne; denen, die unter Gesetz sind, wie einer unter Gesetz – obwohl ich selbst nicht unter Gesetz bin –, damit ich die, welche unter Gesetz sind, gewinne; 21 denen, die ohne Gesetz sind, wie einer ohne Gesetz – obwohl ich nicht ohne Gesetz vor Gott bin, sondern unter dem Gesetz Christi –, damit ich die, welche ohne Gesetz sind, gewinne. 22 Den Schwachen bin ich ein Schwacher geworden, damit ich die Schwachen gewinne. Ich bin allen alles geworden, damit ich auf alle Weise einige rette. 23 Ich tue aber alles um des Evangeliums willen, um an ihm Anteil zu bekommen |
Die Frauen heute in genau jene Stellung zurückversetzen zu wollen, die sie in der antiken Lebenswelt hatten (und in manchen Kulturen heute noch haben), wäre ihn ähnlicher Weise abwegig wie die Sklaverei (die vielerorts in der Welt tragischer Weise nach wie vor eine Realität ist) wieder zu akzeptieren. Es würde dann genau das passieren, wovor Paulus warnte – die Kompromittierung des Evangeliums. Der Tatsache, dass moderne Gesellschaften so sind wie sie sind, müssen wir ebenso Rechnung tragen, wie Paulus es seinerzeit tat (bzw. wie es die Gläubigen im gesamten christlichen Zeitalter bzw. in den unterschiedlichsten Kulturen jeweils auf ihre Weise taten), um die Menschen zu erreichen. Das bedeutet dagegen nicht, dass dafür auch nur ein göttliches Prinzip geopfert werden sollte. Nur können fälschlich als solche verstandene oder falsch interpretierte göttliche Prinzipien die Ausbreitung des Evangeliums ernsthaft behindern. Auf das vorliegende Thema übertragen bedeutet dies, dass es ebenso falsch wäre, eine männliche „Herrscherrolle“ als gottgewollt anzunehmen, wie zu bestreiten, dass der Führungsauftrag des Mannes ein biblisches Prinzip ist.
Die Ausnahme relativiert nicht das Prinzip
Dabei gilt zu beachten: Ein Prinzip ist keine Handlungsanweisung für jedwede Situation. Ebenso, wie ein Schaf auch am Sabbat aus der Grube gezogen wird (Mt 12,11), war es in bestimmten Situationen Gottes Ratschluss, Frauen Führungsrollen zu übertragen (z.B. der Richterin Deborah, vgl. Ri 4). Dadurch werden die prinzipiellen Unterschiede in der Stellung von Mann und Frau jedoch nicht relativiert. Paulus würde sagen, dass uns schon die Natur lehrt, dass diese Unterschiede vorhanden sind (vgl. 1. Kor 11,14f). So ist der Mann von jeher der göttlichen Schöpfungsordnung entsprechend (s.o.) prädestiniert für Führungsaufgaben sowohl in der Gemeinde als auch der Familie. Dass dies aus bestimmten Gründen manchmal anders ist und auch angemessen erscheint, ändert nichts an dem Prinzip.
Letztlich bleibt der guten Botschaft nichts Besseres, als die Menschen dort abzuholen, wo sie gehen und stehen (und damit sind nicht nur die anderen gemeint, sondern auch wir selbst). Dies ist wohl ein entscheidender Aspekt für das Verständnis dessen, was Paulus schreibt: Er unterstellt alles der Verbreitung des Evangeliums – vor allem die Lebensumstände derjenigen, die es bereits angenommen haben, allen voran seine eigenen Lebensumstände.
Die heutige, „postmoderne“ Kultur schießt jedoch auch in den Gemeinden deutlich über das Ziel hinaus. Der besondere Fall wird zur Regel: Frauen werden systemisch ermutigt, unter Beweis zu stellen, dass sie Männern auch in Leitungsaufgaben ebenbürtig sind, während sich Männer – gerade im Hinblick auf das Übernehmen von Verantwortung in Angelegenheiten des Gemeindelebens – immer mehr zurückziehen.
Adam und Eva waren vor dem Sündenfall – wie Gott, der Vater, und sein Sohn – auf Augenhöhe, wobei ihr Rollenverständnis wohl als ein intuitives verstanden werden muss, das keiner Verhandlungen bedurfte. Durch den Sündenfall wurde aus dieser Ordnung ein tragischer Fluch, der sich unter anderem in der Vielweiberei und einer allgemeinen Geringschätzung und Unterdrückung der Frau niederschlug. Schließlich nahm der Sohn Gottes selbst diesen Fluch auf sich:
| Gal3,6ff | Christus hat uns losgekauft von dem Fluch des Gesetzes, indem er ein Fluch für uns geworden ist – denn es steht geschrieben: »Verflucht ist jeder, der am Holz hängt!«, 14 damit der Segen Abrahams in Christus Jesus zu den Nationen komme, damit wir die Verheißung des Geistes durch den Glauben empfingen. |
Die gute Nachricht ist, dass dieser Fluch für die Gläubigen je mächtiger seine Wirkung verliert, je mehr sie in Christus das Böse überwinden, um das ursprüngliche Bild Gottes wieder herzustellen. Die Texte des Alten und Neuen Testaments zeugen einerseits von den Stationen auf diesem Weg und geben uns andererseits in ihrer Gesamtheit eine deutliche Vorstellung von einer harmonischen Beziehung der Geschlechter in Christus, in welcher jeder bereit ist, seinen Platz einzunehmen, ohne über den anderen herrschen zu wollen, sondern um vielmehr der Welt das Evangelium vom Reich Gottes sichtbar zu machen – damit das Wort Gottes nichtverlästert werde.











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