Rezension: „Der Sohn“ von Ty Gibson

Kapitel 16: Die Ewige Verheissung des Bundes

S. 162: TG sieht “die Sohnschaft Christi als Fortsetzung der alttestamentlichen Geschichte von Adam und Israel betrachteten. Für sie bekam Jesus zum Zeitpunkt seiner Menschwerdung die Identität des Sohnes Gottes. Er ist also der Sohn Gottes im erzählerischen Sinn un im Sine des Bundes – in Solidarität mit der Menschheit.”

“Und dennoch drängt sich eine Frage auf: War Jesus schon vor der Menschwerdung in irgendeiner Weise der Sohn Gottes? Die Antwort lautet: ja und nein.”

“Ja, und zwar innerhalb der ewigen Verheißung des Bundes, den Gott in dem Augenblick schloss, als er den Menschen schuf.”

Also doch nicht vor der Menschwerdung! Ein Widerspruch?

“Nein, und zwar in Bezug auf seinen Seinszustand vor der Schöpfung.”

S. 162-163: “Dennoch spricht die Bibel manchmal davon, dass Jesus bereits der Sohn Gottes vor seiner Menschwerdung war. Warum? Wenn Jesus der ewige, ungeborene, ungeschaffene, unendliche war, wie kann er dann vor seiner tatsächlichen menschlischen Geburt aus dem Mutterleib Marias als Sohn Gottes bezeichnet werden?”

TGs Antwort: eine bereits wahrgewordene Realität. Theologisch gesagt, proleptisch. Mit dem Argument der Prolepse hat Gott keine Chance, eine vorschöpferische Realität von Jesus zu formulieren. Mit dieser Asskarte wird jede andere Perspektive ausgestochen.

S. 168: “Vor seiner Geburt als Mensch war er eine Ewigkeit lang schon und doch noch nicht Gottes Sohn.”

Es geht auch einfacher> Er war/ist einfach wirklich Gottes Sohn.

S. 169-170: “Was mit biblischer Unterstützung nicht gesagt werden kann, ist, dass die Position als Sohn Gottes seine präexistenzielle Wesensart sei, die er unabhängig von Schöpfung und Erlösung innehat. Wäre der Mensch nie erschaffen worden und in Sünde gefallen, hätte Gott nie in Jesus engelsgleiche oder menschliche Gestalt angenommen.”

Hätte Er nicht einfach Gottes Sohn sein können, auch im Himmel? Was würden wir verlieren, wenn Jesus schon immer Gottes Sohn war?

Kapitel 17: Die Erhabenheit Gottes

S. 176: TG meint, Gott wäre in John 3,16 als Sohn beschrieben – dies erkenne ich im Text nicht. (Und die Mutter-Vergleiche in 5Mo 32,18; Jes 42,14; 49,15; 66,13) sind eben dies, und nichts mehr: Vergleiche.

S. 176: “Wir sind Mann oder Frau, Sohn oder Tochter. Gott nicht. “Gott ist kein Mensch”, erklärt Mose (4Mo 23,19), daher ist Gott seinem Wesen nach auch kein Vater oder Sohn, keine Mutter oder Tochter.”

Eine gewagte Aussage, angesichts des biblischen Zeugnisses.

S. 177: “Gott existiert nicht innerhalb unserer engen Grenzen. Vielmehr existieren wir innerhalb Gottes Grenzenlosigkeit.”

S. 180: “Reduziert auf sein reines Gottsein ist Gott vollkommene, selige Gemeinschaft.”

In diesem wichtigen Abschnitt finden wir erstaunlich wenig Bibeltexte.

Kapitel 18: Die Genialität der Drei

S. 182: “Wer sagt, dass Gott Liebe ist, sagt gleichzeitig, dass Gott eine Beziehung aus mindestens drei Personen ist.”

Hier finden wir wieder zurück zu TGs Einführung durch seinen Sohn. Es ist tatsächlich ein altes Argument, dessen Wurzeln in Augustinus zu finden sind?

S. 189: “Bestünde Gottes ureigenes Wesen nachweislich aus einem Zustand einsamen Daseins (Eins) – was der Fall wäre, wenn Jesus einen Anfangspunkt hatte und der Heilige Geist nicht als eigenständige Perönlichkeit existierte -, dann wäre selbstlose Liebe nicht der Kern seiner göttlichen Identität. Existierten Vater, Sohn und Heiliger Geist nicht seit Ewigkeit gemeinsam, könnte man konsequenterweise nicht behaupten: “Gott ist Liebe.” (1 Joh 4,8).

Das Problem hier ist, mit der Bibel in der Hand . . . 1 Joh 4,8 bezieht sich nicht auf eine 3-teilige Komposition namens Gott, sondern spezifisch auf Gott den Vater, denn in den folgenden Versen wird Liebe nicht trinitarisch definiert, sondern erlösend, auf den Sohn und das Kreuz beziehend:

1 Joh 4,9 “Darin ist die Liebe Gottes zu uns geoffenbart worden, daß Gott seinen eingeborenen Sohn in die Welt gesandt hat, damit wir durch ihn leben sollen. 10 Darin besteht die Liebe — nicht daß wir Gott geliebt haben, sondern daß er uns geliebt hat und seinen Sohn gesandt hat als Sühnopfer für unsere Sünden.”

Nochmals: Hier wird von der Liebe des Vaters gesprochen, nicht von einem philosophisch- trinitarischem Konstrukt dreier Personen. Und dann wiederholt Johannes dies, um es zu betonen: Gott (der Vater) hat uns geliebt und seinen Sohn gesandt. Es geht hier nicht um inter-trinitarische Beziehungen, sondern Vater-Sohn-Welt!

S. 189: “Vater . . . Sohn . . . alle Begriffe aus der Sphäre des Geschaffenen sind nur etwaige Annährerungen an Gott.”

Aber das ist eine bloße Vermutung. Vater und Sohn könnten ja auch aus der nicht-Geschaffenen, vorschöpferischen Realität stammen!

S. 189: “Gott ist eine vollkommen selbstlose soziale Einheit aus drei Personen, die eine gemeinschaftliche Wirklichkeit bilden.”

S. 190: “Gott ist eine Gemeinschaft von dreien, kein absoluter Alleinherrscher und auch keine Dualität.” TG gibt hier zu, daß es um Logik geht: “Sich Gott als drei persönliche Wesen vorzustellen, die als Einheit existieren, ist kein willkürliches Konstrukt, sondern vielmehr die intuitive und unausweichliche Logik, die dem Prinzip der Liebe an sich innewohnt.”

Also “intuitive und unausweichliche Logik,” nicht biblische Exegese, Texterarbeitung.

Trotzdem meint TG, “dass die Dreieinigkeit keine philosophische Idee ist, die der Realität übergestülpt wird, sondern zutiefst der Wirklichkeit entspricht, wie wir sie erfahren. Wir wissen, dass es für selbstlose Liebe mindestens dreier Personen bedarf.”

Kein Bibeltext, sondern menschliche Vernunft und Logik. Basta.

Und die nächste Beweisführung: die Natur. Denn “das gesamte materielle Universum” hat “die geometrische Tendenz, sich in Dreiereinheiten in einem unendlich großen Umfang anzuordnen” (S. 191). Erst jetzt stützt sich TG auf einen Bibeltext, nämlich Röm 1,20: “Gott ist zwar unsichtbar, doch an seinen Werken, der Schöpfung, haben die Menschen seit jeher seine ewige Macht und göttliche Majestät sehen und erfahren können” (S. 192).

Schließlich ist drei “auch die Mindestanzahl für die Bindekraft in subatomarer Materie. Scheinbar ist die Zahl Drei Gottes mathematische Unterschrift in der materiellen Welt” (S. 193).

Theologisch faßt TG dann zusammen: “Wer sagt, dass Gott Liebe ist, sagt gleichzeitig, dass Gott eine Beziehung aus mindestens drei Personen ist” (S. 193).

Übrigens ist die mathematische Formel 1x1x1 = 1 auch im trinitarischen Sinne unzulänglich, denn mindestens eine der 1 ist nicht Subjekt sondern formularische Quantität: bei einmal (1x) 1 mal 1 verstehen wir nicht 3 Einheiten. Und sprachlich übersetzt macht die Formulierung auch keinen Sinn: ein Vater mit dem Sohn einmal multipliziert mit dem Heiligen Geist multipliziert ist ein Gott?! Irgendwann ergeben niedliche Beispielen eine groteske Karikatur eines heiligen Gottes – vor allem, wenn sowohl Altes als auch Neues Testament den Monotheismus so bestimmt vorstellen und verteidigen.

Kapitel 19: Der Schnitt Durch Gott

S. 200 TG spricht tatsächlich von einem Gott aus Teilen: “Gemäß diesem Bundesversprechen würden also all drei Teile der Gottheit diesen Schnitt erleiden, den die Bundestrue gegenüber der gefallenen Menschheit verlangte.”

S. 201 “Wir sehen nun, welchen Unterschied diese Prespektive für unser Verständnis von Gottes Charakter macht: Wenn wir die Sohnschaft Jesu auf Spekulationen über seinen Ursprung reduzieren, berauben wir uns der tiefen Einblicke in Gottes Liebe, die sich ansonsten natürlich aus seiner Dreieinigkeit ergeben. Sobald wir aber Gott als ewige Beziehungseinheit sehen können, entfaltet sich das Christusereignis in neuer Klarheit und Schönheit.”

Ich würde es umgekehrt formulieren: Die Dreieinigkeit ist philosophische Spekulation, während die wahre Sohnschaft Christi das Evangelium in “neuer Klarheit und Schönheit” strahlen läßt: Gott der Vater hat seinen tatsächlichen Sohn gegeben! Ein Vater hat seinen Sohn verloren!

Interessanterweise und präziserweise wird in in Phil 2,5-11, den TG zitiert, der Vater als die Person Gott identifiziert. Der Sohn hat als Sohn die Natur seines Vaters, also eine göttliche Natur. Aber Gott ist Gott der Vater, nicht eine Komposition.

S. 203 TG: Jesus besaß “alle göttlichen Eigenschaften” (S. 202), also “Allmacht, Allwissenheit, Allgegenwart”.

Aber Allmacht erhielt er von seinem Vater, in einer Zeremonie, die am schönsten in WAB 15 beschrieben wird (siehe oben).

S. 205 Widerspruch: Nach TG wurde Jesus erst zum Sohn Gottes durch unerbittliche Treue.
S. 206: Am Kreuz hing Gott: “Gott ohne Gott.” Aber eine Seite weiter schreibt TG: “Die

Hauptaussage des Neuen Testaments ist nicht, dass Gott als Gott die Welt zurückerobert. Sondern, dass Gott als Mensch die Welt zurückerobert. Die Sohnschaft ist eine menschliche Berufung, keine göttliche. . . . Die Sohnschaft ist nicht die ursprüngliche Identität von Jesus, sondern seine meinschliche Identität, die er aus Solidarität mit uns annahm.”

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