Rezension: „Der Sohn“ von Ty Gibson

Kapitel Elf: Johannes: Der Einzige Sohn

S. 86: Johannes 1 wird oft misverstanden, und so auch von TG. Johannes schreibt eben nicht, dass “Gott bei Gott” war. Das wäre das Ende des Monotheismus. Grammatisch erklärt Johannes etwas ganz anderes. Johannes 1,1 ist eine Aussage über die Qualität des Wortes, nicht über eine trinitarische Quantität. Es geht um die göttliche Natur des Wortes, und eben nicht um die Anzahl von zwei Göttern! Johannes würde das theologisch als grotesk empfinden; sein tiefgründiger und perfekt formulierter Prolog betont den Kontrast zwischen der Göttlichkeit Jesu Christi vor seiner Inkarnation, und dann natürlich die Fleischwerdung.

Teil 3: Ingo Sorkes Rezension von Ty Gibsons „Der Sohn“ (Youtube hier)

TG erklärt auch mehr, als Johannes beabsichtigt: “Johannes beschreibt hier, wann und in welchem Sinne die Vater-Sohn-Übereinkunft begann.” Aber der Text sagt weder etwas über ein Vater-Sohn Verhältnis aus, noch über den Beginn eines Verhältnisses.

S. 88 TG argumentiert, daß “Alle drei – Salomo, David und Israel – wurden nicht zu Söhnen Gottes durch biologische Abstammung, sondern durch ihre Berufung, in den Bund mit Gott einzutreten. . . . Wenn wir einmal diese erzählerische Pointe verstanden haben, begreifen wir auch die Hauptaussage der Bibel und was es bedeutet, wenn Jesus einziger Sohn genannt wird.”

Es ist problematisch, daß TG von Menschen auf Jesus argumentiert, und nicht anders herum. Damit begeht er eine theologische Einbahnstrasse in die falsche Richtung! Jesus war vor Salomo, David und Israel; deswegen hängt die Identität von Jesus nicht von Menschen ab. Dieser Blickwinkel ist zu eng, zu schmal angesetzt.

TGs Hauptpunkt steht hier zusammengefasst: “Die Gottessohnschaft von Jesus steht für seine Identität in Bezug auf die Abstammung von David und den Gottesbund. Sie ist keine Aussage über seinen Wesensursprung in einer vorzeitlichen Abstammungslinie göttlicher Wesen, die einen geheimnisvollen Zeugungsprozess begehen und in dem ein Gott einen anderen gebiert. Solche Vorstellungen entspringen vielmehr der griechischen Mythologie.”

Griechische Mythologie . . . oder die prophetisch-inspirierten Einsichten von Ellen White, ganz geschweige von Texten wie Sprüche 8 und Micha 5.

S. 92: Isaak . . . “Die Bezeichnung “einziger Sohn” entspricht der Sprache des Bundes und hat keine chronologische oder ontologische Bedeutung.”

Aber bei Isaak war die ontologische Herkunft von größter Bedeutung! Ishmael reichte nicht aus.

S. 93: gut formuliert! “In diesem Sinne ist Jesus Gottes Sohn: Er ist Adam, so wie Gott ihn ursprünglich gemeint hat. Er ist Israel, wie Gott es geplant hat. Er ist David, wie Gott ihn wollte. Er ist Mensch, so wie Gott das Menschsein gedacht hat.”

TG geht nicht auf das nicht-trinitarische Argument ein, daß Gott nur einen Sohn geben konnte, weil Er einen Sohn zu geben hatte!

Aber TGs Perspektive, daß es sich bei der Sohnschaft Christi in Joh 3,16 um die Sohnschaft im Sinne der Inkarnation handelte, ist berechtigt, zumal Johannes im Kontext von Joh 3 das Kreuz im Blickwinkel hat.

Nichtsdestotrotz ist die Sprache von 1 Joh 4,7-11 (von TG erwähnt), stark auf die Vor-Inkarnation gerichtet. Hier steht nichts von einer Werdung des Sohnes durch die Inkarnation, sondern von einer Gabe eines Sohnes. Gott gab Seinen Sohn; so Johannes in seinen Briefen.

S. 97: Hier erscheint noch einmal die Problematik in TGs Gedankenführung: “Nach dem Johannesevangelium wurde der Gott, der die Welt gemacht hat, Fleisch und vollendete die Sohnschaft als neues Haupt der Menschheit.”

Gott der Vater wurde Mensch? Oder Gott der Jesus? Zwei Götter also? Wer ist der Schöpfer?

Nach TG “bezeichnet “Sohn Gottes eine menschliche und keine göttliche Identität.”

Mit dem oftzitierten Heb 1,1-5 schreibt Ellen White kategorisch, “God is the Father of Christ; Christ is the Son of God. To Christ has been given an exalted position. He has been made equal with the Father. All the counsels of God are opened to His Son” (8T 268.3). Übersetzung: “Gott ist der Vater Christi; Christus ist der Sohn Gottes. Christus wurde eine erhabene Stellung eingeräumt. Er ist dem Vater gleichgestellt. Alle Ratschlüsse Gottes sind Seinem Sohn erschlossen.”

Kapitel 12: Römer: Gottes Erst-Geborener Sohn

S. 100: Auch mit TGs Sichtweise des Römerbriefs wird der Monotheismus zur Herausforderung:

Paulus “Argumentation ist schlicht und schlagkräftig: Gott selbst wurde zum Sohn Gottes, um die Menschheit wieder in ihre rechtmäßige Stellung zurückzuführen.”

Gerne würde ich hier tatsächlich eine Erwägung des alttestamentlichen Monotheismus lesen, aber diese fehlt. Ohne Erklärung oder Qualifizierung klingt TGs Ausführung so, als ob Gott der Vater Mensch wurde. Eine Form von Bitheismus und Modalismus!

Problematisch ist auch, wenn TG die Sohnschaft Christi auf Seine Auferstehung bezieht, also durch die Auferstehung definiert. War Jesus also doch nicht Sohn durch die Inkarnation, und erst mit der Auferstehung?!

S. 110: Vor der Inkarnation “war er niemand Geringeres als der ewige Gott, der keinen Anfang hat. Etwas anderes zu behaupten bedeutet, ohne jeglichen biblischen Rückhalt vom heilsgeschichtlichen Bericht abzuweichen.”

Immerwieder taucht diese Problematik und diese Frage auf, auf die TG aber dann nicht weiter eingeht: Gab es zwei Götter, Gott der Vater A (vor Seiner Vaterschaft) und Gott B der Sohn (vor Seiner Sohnschaft)?

Obwohl TG häufig auf den Rahmen des Alten Testaments verweist, geht er auf den Monotheismus desselben Alten Testaments nicht ein.

S. 112: Zuguterletzt auch hier wieder . . . “In dem denkbar monumentalsten und paradoxesten Akt mitfühlender Liebe wurde Gott zum Sohn Gottes und zu unserem Bruder für alle Zeiten.”

Was meint TG hier mit Gott? Wer genau wurde zum Sohn Gottes? Ich meine, auch trinitarisch gesehen wäre diese Frage berechtigt.

Kapitel 13: Hebräer: Unser Bruder in Ewigkeit

S. 116: “Jeder ist dem anderen Gott, da sie auch tatsächlich Gott sind.”

Ein eigenartiger Ausdruck. Aber der Vater spricht nie von Jesus als Seinem Gott. Stattdessen haben wir 1Kor 11,3 und v.a. auch Offb 3,12, wo der Vater der Gott des Sohnes ist, aber nicht umgekehrt.

S. 119: TG pocht immer wieder darauf, daß “Jesus wurde Sohn Gottes durch seine Menschwerdung” . . . “Seine Menschwerdung (Geburt) war das Ereignis, das ihn zum Sohn Gottes machte.”

Eine beschränkte Lesart der Bibel, die nicht die gesamte inspirierte Narrative berücksichtigt.

Kapitel 14: Der Menschensohn

Ein schönes, tiefgründiges, verständliches Kapitel über das Buch Daniel – und Jesus als Menschensohn.

Kapitel 15: Der Letzte Adam

S. 143: schön: “Daher ist Evangelium also gute Nachricht und kein guter Rat.”

S. 147: “Wer dem Text wunderliche Theorien und Gedanken über die urzeitliche Entstehung von Christus überstülpt, lenkt damit vom eigentlichen Thema ab.”

Die Sohnschaft Christi vor der Inkarnation also eine Ablenkung?!

S. 157: “Genau das ist der Knackpunkt beim Thema Sohnschaft: Paulus sagt hier nicht, dass Jesus immer der Sohn Gottes gewesen ist, sondern dass der Herr des. Himmels Gottes Sohn Wurde, um das Ebenbild Gottes im Menschen wiederherzustellen.”

Besser: Jesus was Gottes Sohn auf Erden weil er Gottes Sohn im Himmel war!

“By His humanity, Christ touched humanity; by His divinity, He lays hold upon the throne of God. As the Son of man, He gave us an example of obedience; as the Son of God, He gives us power to obey” (DA 24).
Übersetzung: “Durch seine Menschlichkeit berührte Christus die Menschheit; durch seine Göttlichkeit ergreift er den Thron Gottes. Als Menschensohn hat er uns ein Beispiel des Gehorsams gegeben; Als Sohn Gottes gibt er uns die Kraft zu gehorchen.”

TG möchte hier wiederholt a) alle Machtstrukturen als negativ darstellen, und b) alle Machtstrukturen aufheben. Beide Perspektiven, so schön sie auch klingen, widersprechen der himmlischen Realität. Es gibt sogar unter den Engeln eine Hierarchie!

S. 160: “Jesus ist Gottes ewiger Sohn, weil er von Ewigkeit her dazu bestimmt war, mit der Menschheit eins zu werden und die Bundestreue an unser statt zu füllen.”

Der ständige Tenor TGs – die Inkarnation.

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